Die Novelle: Merkmale und Beispiele
Du lernst die Novelle als Erzählform mittlerer Länge kennen, mit unerhörter Begebenheit, Wendepunkt und Dingsymbol, etwa in Storms „Schimmelreiter“.
Das Wichtigste verständlich erklärt
Die Novelle ist eine Erzählung von mittlerer Länge, kürzer als ein Roman, aber länger als eine Kurzgeschichte. Der Name kommt vom italienischen „novella“, kleine Neuigkeit. Ein frühes Vorbild ist Giovanni Boccaccios „Decamerone“ aus dem 14. Jahrhundert.
Die unerhörte Begebenheit
Goethe bezeichnete die Novelle 1827 im Gespräch mit Johann Peter Eckermann als „eine sich ereignete unerhörte Begebenheit“. Im Mittelpunkt steht also ein einzelnes, außergewöhnliches Ereignis, das so wirkt, als könnte es wirklich geschehen sein.
Typische Merkmale
- straffe Handlung mit einem zentralen Konflikt
- ein deutlicher Wendepunkt, an dem die Handlung umschlägt
- ein Dingsymbol oder Leitmotiv, das immer wieder auftaucht und Bedeutung trägt (nach Paul Heyses „Falkentheorie“, benannt nach dem Falken in einer Novelle Boccaccios)
- oft eine Rahmenhandlung, in der jemand die eigentliche Geschichte erzählt
- geschlossener Aufbau, häufig mit dramatischer Zuspitzung
Nicht jede Novelle hat alle Merkmale. Die Begriffe sind Hilfen zur Untersuchung, keine starren Regeln.
Bekannte Novellen
- „Michael Kohlhaas“ (Heinrich von Kleist, 1810): Ein Pferdehändler wird durch Unrecht zum Rächer.
- „Der Schimmelreiter“ (Theodor Storm, 1888): Der Deichgraf Hauke Haien baut einen neuen Deich und scheitert an den Naturgewalten und am Aberglauben der Dorfbewohner. Die Geschichte ist mehrfach gerahmt, der Schimmel wird zum Dingsymbol.
- „Das Fräulein von Scuderi“ (E. T. A. Hoffmann, 1819), oft als frühe Kriminalgeschichte gelesen
- „Schachnovelle“ (Stefan Zweig, 1942): Ein Mann, der in Gestapo-Haft Schachpartien im Kopf nachgespielt hat, tritt gegen einen Weltmeister an.
Untersuchung
Bei der Analyse einer Novelle fragst du nach der unerhörten Begebenheit, dem Wendepunkt, der Bedeutung des Dingsymbols und der Funktion des Rahmens.
Das musst du dir merken
Novelle: Erzählung mittlerer Länge um eine „unerhörte Begebenheit“ (Goethe) mit Wendepunkt, oft mit Dingsymbol und Rahmenhandlung.
Vorgemacht: Beispiele
Beispiel 1
- Unerhörte Begebenheit: Ein Deichgraf baut gegen alle Widerstände einen neuen Deich und kommt bei einer Sturmflut um.
- Dingsymbol: der Schimmel, der mit Hauke verbunden ist und um den sich Aberglauben rankt
- Rahmen: Ein Reisender hört die Geschichte von einem Schulmeister.
Ergebnis Unerhörte Begebenheit, Dingsymbol und Rahmenhandlung sind deutlich erkennbar.
Beispiel 2
- Novelle: länger, geschlossener Aufbau, außergewöhnliches Ereignis, oft Rahmen
- Kurzgeschichte: sehr kurz, unvermittelter Anfang, offenes Ende, Alltagssituation
Ergebnis Die Novelle erzählt eine geschlossene, außergewöhnliche Begebenheit, die Kurzgeschichte einen offenen Ausschnitt aus dem Alltag.
Selbst üben
Wie definierte Goethe die Novelle?
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Als „eine sich ereignete unerhörte Begebenheit“.
Was ist ein Dingsymbol?
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Ein Gegenstand oder Tier, das immer wieder auftaucht und für eine tiefere Bedeutung steht.
Nenne zwei deutsche Novellen und ihre Autoren.
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Zum Beispiel „Michael Kohlhaas“ (Kleist) und „Schachnovelle“ (Zweig).
Typische Fehler
Jede längere Erzählung wird Novelle genannt.
Die Novelle hat typische Merkmale wie die unerhörte Begebenheit und einen Wendepunkt.
Die Rahmenhandlung wird bei der Analyse übersehen.
Der Rahmen beeinflusst, wie glaubwürdig und aus welcher Distanz erzählt wird.
Hinweis zur Klassenstufe
In welcher Klasse genau dieses Thema drankommt, unterscheidet sich zwischen den Ländern. Klasse 10 ist der häufigste Zeitpunkt.