Erzähler und Erzählperspektive
Du unterscheidest Autor und Erzähler, Ich- und Er-Erzähler sowie auktoriales, personales und neutrales Erzählverhalten.
Erklärung
Bei erzählenden Texten muss man zwei Personen unterscheiden: Der Autor ist der reale Mensch, der den Text geschrieben hat. Der Erzähler ist eine Figur, die der Autor erfindet und die die Geschichte erzählt. Der Erzähler kann ganz andere Ansichten haben als der Autor.
Erzählform
- Ich-Erzähler: Der Erzähler ist selbst eine Figur der Geschichte: „Ich öffnete die Tür.“
- Er-/Sie-Erzähler: Der Erzähler spricht von den Figuren in der dritten Person: „Sie öffnete die Tür.“
Erzählverhalten
- Auktorial: Der Erzähler weiß alles. Er kennt Vergangenheit und Zukunft, die Gedanken aller Figuren, kommentiert und wendet sich manchmal an den Leser („Lieber Leser, du ahnst es schon …“).
- Personal: Der Erzähler erzählt aus der Sicht einer Figur. Der Leser weiß nur, was diese Figur wahrnimmt, denkt und fühlt.
- Neutral: Der Erzähler berichtet wie eine Kamera nur das, was von außen sichtbar und hörbar ist, ohne Gedanken und Kommentare.
Diese Unterscheidung geht auf den Literaturwissenschaftler Franz K. Stanzel zurück. Daneben gibt es weitere Modelle, etwa nach Gérard Genette mit Begriffen wie Fokalisierung. Nutze die Begriffe, die in deinem Unterricht eingeführt wurden.
Erzählzeit und erzählte Zeit
- Erzählzeit: wie lange man zum Lesen braucht
- erzählte Zeit: wie viel Zeit in der Handlung vergeht
Ist die erzählte Zeit länger als die Erzählzeit, spricht man von Zeitraffung. Sind beide etwa gleich (etwa bei Dialogen), von Zeitdeckung. Ist die Erzählzeit länger, zum Beispiel weil Gedanken ausführlich geschildert werden, von Zeitdehnung.
Wirkung
Ein personaler Ich-Erzähler schafft Nähe und Spannung, weil der Leser nicht mehr weiß als die Figur. Ein auktorialer Erzähler schafft Überblick und Distanz.
Merke
Autor ist der reale Schreiber, Erzähler die erfundene Erzählinstanz. Erzählform: Ich oder Er/Sie. Erzählverhalten: auktorial (allwissend), personal (aus Sicht einer Figur), neutral (nur Äußeres).
Vorgemacht: Beispiele
Beispiel 1
- Der Erzähler weiß mehr als die Figur und kennt die Zukunft.
- Er kommentiert, was Tom getan hätte.
Ergebnis Auktoriales Erzählverhalten, Er-Erzähler
Beispiel 2
- Gedanken und Gefühle einer einzigen Figur
- Keine Kommentare, kein Wissen über andere
Ergebnis Personales Erzählverhalten, Sie-Erzählerin
Übungsaufgaben mit Lösungen
Welches Erzählverhalten liegt vor? „Der Mann betrat den Raum, setzte sich und schwieg. Die Uhr tickte.“
Lösung anzeigen
Neutral: Nur Äußeres wird beschrieben, keine Gedanken.
Ein Roman erzählt auf 300 Seiten zehn Jahre. Welches Zeitverhältnis überwiegt?
Lösung anzeigen
Zeitraffung.
Ist ein Ich-Erzähler immer der Autor?
Lösung anzeigen
Nein. Auch der Ich-Erzähler ist eine erfundene Figur.
Typische Fehler
Der Erzähler wird mit dem Autor gleichgesetzt: „Borchert erzählt, dass er …“
Besser: „Der Erzähler schildert …“. Der Autor hat den Erzähler erfunden.
Jeder Er-Erzähler wird als auktorial bezeichnet.
Ein Er-Erzähler kann auch personal oder neutral erzählen. Entscheidend ist, wie viel er weiß und zeigt.
Hinweis zur Klassenstufe
Wir ordnen das Thema Klasse 8 zu, weil es dort in den meisten Lehrplänen vorkommt. Bei dir kann die Reihenfolge abweichen.