Historisch urteilen: Sachurteil und Werturteil
Du lernst, wie man im Geschichtsunterricht begründet urteilt, Sach- und Werturteile unterscheidet und Perspektiven sowie Gegenwartsbezüge reflektiert.
Worum es geht
In Klausuren und im Abitur reicht es nicht, Ereignisse zu beschreiben. Häufig sollst du beurteilen oder bewerten. Dafür brauchst du eine klare Unterscheidung zwischen zwei Arten von Urteilen.
Das Sachurteil
Ein Sachurteil beurteilt ein historisches Ereignis oder Handeln aus der Perspektive der damaligen Zeit: Was war möglich, was wussten die Beteiligten, welche Ziele hatten sie, und wurden diese erreicht? Maßstäbe sind Ursachen, Folgen, Zusammenhänge und Zweckmäßigkeit.
Beispiel: „Bismarcks Bündnispolitik war geeignet, Frankreich zu isolieren und einen Zweifrontenkrieg zu verhindern, solange er im Amt war.“
Das Werturteil
Ein Werturteil bewertet dasselbe Geschehen nach heutigen Wertmaßstäben, etwa Menschenrechten, Demokratie, Gerechtigkeit oder Frieden. Es muss die eigenen Maßstäbe offenlegen und begründen.
Beispiel: „Aus heutiger Sicht ist Bismarcks Bekämpfung der Sozialdemokraten durch das Sozialistengesetz als Verstoß gegen grundlegende Freiheitsrechte zu kritisieren.“
Wichtige Prinzipien
- Multiperspektivität: Ein Ereignis wird von verschiedenen Beteiligten unterschiedlich erlebt. Berücksichtige mehrere Sichtweisen, etwa von Siegern und Besiegten, Herrschenden und Beherrschten.
- Kontroversität: Historiker deuten Ereignisse unterschiedlich. Stelle Kontroversen dar, statt nur eine Meinung zu übernehmen.
- Anachronismen vermeiden: Urteile im Sachurteil nicht mit Wissen, das den Beteiligten damals nicht zur Verfügung stand.
- Belege: Jedes Urteil muss mit Fakten, Quellen und Argumenten gestützt werden.
- Gegenwartsbezug: Frage, was ein Ereignis für heute bedeutet, ohne die Vergangenheit nur durch die Brille der Gegenwart zu sehen.
Operatoren richtig verstehen
| Operator | Was verlangt wird |
|---|---|
| beurteilen | Sachurteil, begründete Einschätzung nach damaligen Maßstäben |
| bewerten, Stellung nehmen | Werturteil, eigene begründete Position mit offengelegten Wertmaßstäben |
| erörtern | Pro und Kontra abwägen, dann urteilen |
| vergleichen | Gemeinsamkeiten und Unterschiede nach Kriterien herausarbeiten |
Aufbau eines Urteils
- These: Was ist dein Urteil?
- Kriterien: Nach welchen Maßstäben urteilst du?
- Argumente mit Belegen, auch Gegenargumente
- Fazit: abgewogenes Ergebnis
Merksatz
Sachurteil: Beurteilung aus damaliger Perspektive nach Ursachen, Folgen und Zweckmäßigkeit. Werturteil: Bewertung nach offengelegten heutigen Werten. Beide brauchen Belege, Multiperspektivität und Begründung.
Durchgerechnete Beispiele
Beispiel 1
- Sachurteil: Die britische und französische Regierung wollten einen Krieg vermeiden, auf den sie militärisch nicht vorbereitet waren. Kurzfristig gelang das, Hitlers Expansionsziele hielt es nicht auf.
- Werturteil: Aus heutiger Sicht ist zu kritisieren, dass über die Tschechoslowakei ohne ihre Beteiligung entschieden und ein Aggressor belohnt wurde.
Ergebnis Das Sachurteil fragt nach Zielen und Wirkung damals, das Werturteil nach heutigen Maßstäben wie Selbstbestimmung und Völkerrecht.
Beispiel 2
- Er bewertet die Vergangenheit ausschließlich mit heutigem Wissen (Anachronismus).
- Er erklärt nicht, warum Menschen damals so dachten.
Ergebnis Ein angemessenes Urteil ordnet Vorstellungen in ihre Zeit ein und trennt Erklärung und moralische Bewertung.
Übungen
Was unterscheidet ein Sachurteil von einem Werturteil?
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Das Sachurteil beurteilt aus damaliger Perspektive, das Werturteil bewertet nach heutigen, offengelegten Werten.
Was bedeutet Multiperspektivität?
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Ein Ereignis aus den Sichtweisen verschiedener Beteiligter zu betrachten.
Welcher Operator verlangt ein Werturteil?
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Zum Beispiel „bewerten“ oder „Stellung nehmen“.
Darauf solltest du achten
Ein Werturteil wird ohne Angabe der Maßstäbe formuliert: „Das war schlecht.“
Werturteile brauchen offengelegte Maßstäbe und Begründungen.
Im Sachurteil wird mit heutigem Wissen über die späteren Folgen argumentiert, als hätten die Beteiligten sie gekannt.
Das Sachurteil berücksichtigt, was die Akteure damals wissen konnten.
Hinweis zur Klassenstufe
In welcher Klasse genau dieses Thema drankommt, unterscheidet sich zwischen den Ländern. Klasse 13 ist der häufigste Zeitpunkt.