Ratgeber
Vokabeln lernen, die hängen bleiben

Vokabeln sind der Teil des Sprachenlernens, den kaum jemand mag und den niemand umgehen kann. Ohne Wortschatz hilft die beste Grammatik nichts. Das Problem: Vokabeln, die man am Abend vor dem Test in einer Stunde paukt, sind eine Woche später zum großen Teil wieder weg.
Dieser Ratgeber zeigt, warum das so ist und wie du Vokabeln so lernst, dass sie auch nach Wochen noch abrufbar sind. Die Methoden funktionieren für Englisch genauso wie für Französisch, Latein oder Spanisch.
Warum wir Vokabeln vergessen
Das Gedächtnis behält nicht alles, was einmal hineingelangt ist. Was nicht wieder gebraucht wird, verblasst. Der Psychologe Hermann Ebbinghaus hat das schon im 19. Jahrhundert in Selbstversuchen mit sinnlosen Silben untersucht: Ein großer Teil des Gelernten war nach wenigen Tagen nicht mehr frei abrufbar. Spätere Forschung hat bestätigt, dass Vergessen ohne Wiederholung schnell einsetzt, und gezeigt, dass jede erfolgreiche Wiederholung das Vergessen verlangsamt.
Daraus folgt die wichtigste Regel: Eine Vokabel muss mehrmals mit wachsendem Abstand wiederholt werden. Einmal lernen reicht nicht, egal wie intensiv.
Abfragen statt Anschauen
Viele lernen Vokabeln, indem sie die Liste immer wieder durchlesen. Das fühlt sich gut an, weil die Wörter vertraut wirken. Aber Wiedererkennen ist nicht dasselbe wie Abrufen. In der Klassenarbeit steht kein englisches Wort neben dem deutschen. Du musst es aus dem Gedächtnis holen.
Deshalb gilt: Deck immer eine Seite ab und versuche, die andere zu nennen, bevor du nachschaust. Wenn du ein Wort nicht weißt, ist das kein Misserfolg, sondern genau der Moment, in dem Lernen passiert. Wichtig ist, danach sofort die richtige Lösung anzusehen und das Wort kurz darauf noch einmal abzufragen.
Frag in beide Richtungen ab. Wer nur von Englisch nach Deutsch übt, kann das Wort beim Lesen verstehen, aber nicht beim Schreiben verwenden. Für Klassenarbeiten ist die Richtung Deutsch nach Englisch meist wichtiger.
Der Karteikasten
Ein bewährtes System ist der Karteikasten mit mehreren Fächern, nach seinem Erfinder Sebastian Leitner auch Leitner-System genannt. Jede Vokabel steht auf einer Karte. Neue Karten kommen ins erste Fach. Weißt du eine Karte, wandert sie ein Fach weiter. Weißt du sie nicht, kommt sie zurück ins erste Fach.
Das erste Fach wiederholst du täglich, das zweite alle zwei bis drei Tage, das dritte einmal pro Woche und so weiter. So übst du automatisch die schwierigen Wörter häufiger und die leichten seltener. Viele Vokabel-Apps arbeiten nach demselben Prinzip mit verteilten Wiederholungen. Ob du Papier oder App nimmst, ist weniger wichtig, als dass du das System regelmäßig benutzt.
Kleine Portionen, jeden Tag
Zehn Minuten Vokabeln am Tag bringen mehr als eine Stunde am Wochenende. Lerne neue Wörter in Portionen von etwa zehn bis fünfzehn Stück und wiederhole sie am selben Tag noch einmal, etwa abends nach dem Lernen am Nachmittag. Gute Zeitpunkte sind feste Gewohnheiten: nach dem Mittagessen, im Bus, vor dem Schlafengehen.
Kurz vor dem Schlafen gelernter Stoff wird nach Studien zur Rolle des Schlafs für das Gedächtnis gut gefestigt. Das ist kein Zaubertrick, aber ein guter Grund, die letzte Wiederholung des Tages auf den Abend zu legen.
Wörter im Zusammenhang lernen
Ein einzelnes Wort ohne Zusammenhang ist schwer zu behalten. Leichter wird es, wenn du es mit etwas verbindest. Lerne Vokabeln deshalb möglichst mit einem kurzen Beispielsatz: nicht nur „to borrow: ausleihen“, sondern „Can I borrow your pen?“. So lernst du gleich mit, wie das Wort verwendet wird und mit welcher Präposition es steht.
Weitere Hilfen sind Wortfamilien (happy, happiness, unhappy), Gegensatzpaare (cheap, expensive) und Eselsbrücken, die du dir selbst ausdenkst. Bei Verben mit unregelmäßigen Formen lernst du immer alle drei Formen zusammen: go, went, gone.
Laut sprechen und schreiben
Vokabeln, die du nur im Kopf wiederholst, bleiben oft unsicher in der Schreibweise. Sprich das Wort laut aus und schreib es einmal auf. Das trainiert Aussprache und Rechtschreibung gleichzeitig. Gerade im Englischen, wo Schreibung und Aussprache oft auseinanderliegen, ist das wichtig: Wer „knowledge“ nur gelesen hat, schreibt es in der Arbeit leicht falsch.
Unregelmäßige Verben und feste Wendungen
Manche Vokabeln brauchen besondere Aufmerksamkeit. Unregelmäßige Verben lernst du immer in allen Formen, im Englischen etwa begin, began, begun. Hilfreich ist es, sie nach Mustern zu gruppieren: sing, sang, sung und ring, rang, rung folgen demselben Schema, ebenso cut, cut, cut und put, put, put. Wer die Muster kennt, muss weniger einzeln auswendig lernen.
Auch feste Wendungen wie to take part in, to be interested in oder to look forward to gehören als Ganzes auf die Karte. Gerade die Präpositionen unterscheiden sich oft vom Deutschen und werden in Arbeiten häufig falsch verwendet. Wer nur interested lernt, schreibt leicht interested for statt interested in.
Ein Wochenplan für Vokabeln
So kann eine Woche mit einer neuen Lektion aussehen. Montag: die ersten zehn bis fünfzehn neuen Wörter mit Beispielsätzen auf Karten schreiben, laut sprechen, einmal abfragen. Abends kurze Wiederholung. Dienstag: die nächsten zehn bis fünfzehn Wörter, dazu die Wörter vom Montag abfragen. Mittwoch: alle neuen Wörter gemischt in beide Richtungen abfragen, unsichere Karten zurück ins erste Fach. Donnerstag: nur die unsicheren Wörter, dazu ein paar Karten aus älteren Lektionen. Freitag: Abfrage durch jemand anderen in zufälliger Reihenfolge. Am Wochenende: zehn Minuten Wiederholung aus dem Karteikasten.
So kommt jede Vokabel in der ersten Woche mehrmals dran, und ältere Wörter geraten nicht in Vergessenheit.
Vokabeln anwenden
Am besten bleibt ein Wort hängen, wenn du es benutzt. Bilde mit neuen Wörtern eigene Sätze, die etwas mit dir zu tun haben, schreib ein paar Zeilen Tagebuch in der Fremdsprache oder beschreibe, was du gerade siehst. Serien und Videos in der Fremdsprache mit Untertiteln sind eine gute Ergänzung, ersetzen aber das gezielte Lernen der Wörter aus dem Unterricht nicht.
Vor dem Vokabeltest
Wenn du die Vokabeln über die Woche verteilt gelernt hast, reicht am Vortag eine kurze Abfrage aller Wörter. Sortiere dabei die Wörter aus, die du noch nicht sicher weißt, und wiederhole nur diese mehrmals. Lass dich am besten von jemand anderem abfragen, in gemischter Reihenfolge, damit du nicht die Position auf der Liste mitlernst.
Häufige Fragen
Wie viele Vokabeln kann ich pro Tag lernen?
Das hängt vom Alter und von der Schwierigkeit ab. Für Schülerinnen und Schüler sind zehn bis zwanzig neue Wörter pro Tag ein realistischer Rahmen, wenn gleichzeitig die alten wiederholt werden. Mehr neue Wörter führen oft dazu, dass die Wiederholungen zu kurz kommen.
Sind Vokabel-Apps besser als Karteikarten?
Beide funktionieren, wenn sie nach dem Prinzip der verteilten Wiederholung arbeiten und dich zum aktiven Abrufen bringen. Apps übernehmen die Planung der Wiederholungen. Karteikarten selbst zu schreiben, ist dagegen schon ein erster Lernschritt.
Hilft es, Vokabeln zehnmal abzuschreiben?
Wenig. Abschreiben ohne Abrufen führt kaum zu dauerhaftem Behalten. Besser ist: einmal aufschreiben, dann abdecken und aus dem Gedächtnis schreiben.
Was mache ich mit Wörtern, die ich mir einfach nicht merken kann?
Denk dir eine Eselsbrücke oder einen absurden Satz aus, in dem das Wort vorkommt. Lerne das Wort in einem Satz, der dich persönlich betrifft. Und frag es häufiger ab als die anderen, der Karteikasten macht das automatisch.
Soll ich die Vokabeln in der Reihenfolge des Buchs lernen?
Für das erste Lernen ist das in Ordnung. Beim Wiederholen solltest du die Reihenfolge aber mischen. Sonst merkst du dir die Position auf der Liste statt des Wortes.
Wie lerne ich Vokabeln für eine Sprache, die ich gar nicht mag?
Mit kleinen, festen Portionen und einem System wie dem Karteikasten, damit der Aufwand überschaubar bleibt. Hilfreich ist auch, die Wörter mit Dingen zu verknüpfen, die dich interessieren, etwa Beispielsätze über dein Hobby. Regelmäßigkeit wirkt hier stärker als Motivation.
Quellen
- Dunlosky, J. u. a. (2013): Improving Students’ Learning With Effective Learning Techniques. Psychological Science in the Public Interest 14 (1), S. 4–58.
- Cepeda, N. J. u. a. (2006): Distributed practice in verbal recall tasks. Psychological Bulletin 132 (3), S. 354–380.
- Weitere Hinweise zu unserer Arbeitsweise: Quellen und Methodik.